Achtung! Hier steht das Neue.

Der puristische Neubau inmitten einer Kleinstadtsiedlung in Geislingen – das ist schon eine Ansicht. Wörtlich und im übertragenen Sinne: Zwar hat Architekt Otto M.F. Beutter den Anbau an ein traditionelles Bestandsgebäude als skulpturalen architektonischen Kontrapunkt konzipiert. Doch nicht etwa Dagegensein oder Provokation waren Leitmotiv für den Entwurf seines Wohn- und Arbeitshauses aus Sichtbeton, sondern das Miteinander verschiedener Stile sowie die Belebung und Aufwertung der umgebenden Baugestaltung.

 
 

Ausrufezeichen für das Neue, Foto: O.M.F. Beutter Architekten

 

Ess- und Küchenbereich, Foto: O.M.F. Beutter Architekten

 

Alt und neu harmonieren, Foto: O.M.F. Beutter Architekten

Sichtbeton im Interieur, Foto: O.M.F. Beutter Architekten

Lichtdurchflutet, Foto: O.M.F. Beutter Architekten

 

Frischer Blickfang in dörflicher Umgebung
Geislingen liegt in Baden-Württemberg, etwa 60 km Luftlinie südwestlich von Stuttgart und 10 km nördlich der Abbruchkante der Schwäbischen Alb. Hier vermitteln die rund 200 Jahre alten traditionellen Gebäude und Wohnhäuser mit maximal drei Geschossen, Satteldach, Schindeln und teilweise Fachwerk eine malerische Idylle. Seit Anfang 2014 hat die Bachstraße 51 nun einen Blickfang, der wenig mit der umgebenden Architektur gemeinsam hat, die Szenerie aber auffällig belebt: Bei dem Neubau eines Wohn- und Arbeitshauses fasziniert die vertikale Ausrichtung in Kombination mit der reduzierten Sichtbetonfassade, die akzentuiert wird von schwarzen Aluminium Composite Paneelen. Gekrönt wird das Ensemble mit einem für diese Gegend ungewohnten Flachdach. Dieser architektonische Kontrapunkt wirkt im Gegensatz zu der eher kleinteiligen Bebauung großflächig, minimalistisch-elegant und ja: beruhigend fürs Auge. Durch die vier Ebenen erscheint der von den Proportionen her ausgewogene Bau eher wie eine Skulptur als ein Gebäude, die glatte, helle Fassade unterstreicht diesen Eindruck noch.

Architektonische Synergien schaffen
Laut Architekt Otto M.F. Beutter, der hier lebt und arbeitet, liegt das Innovative seines Entwurfs in der „urbanen Symbiose zwischen Alt und Neu und dem Spannungsbogen zwischen horizontaler und vertikaler Bauweise“. Die Vertikale sei eine Art Zeichen des erhobenen Arms: Achtung, hier kommt das Neue! Das Moderne und Ungewohnte in dieses traditionelle (Bau)Umfeld zu setzen, ist für Beutter kein Widerspruch und keinesfalls unpassend, „sondern stellt eine Belebung durch Zusammenfügen unterschiedlicher Architekturauffassungen dar“.

Das eigentliche Baufeld misst 5,70 x 9,00, daher lag neben den gestalterischen Aspekten auch deshalb eine vertikale Organisation auf vier Ebenen von Wohnen und Arbeiten nahe, um weitere Fläche zu gewinnen. Das rechts angrenzende, zweistöckige Wohnhaus mit Satteldach hat Beutter zusätzlich in die Baumaßnahme einbezogen: Einerseits bietet es weiteren Wohn- und Arbeitsraum, andererseits unterstreicht diese Revitalisierung die Kombination aus Alt und Neu.

Farbkontraste beleben
Außen wurde an der Nordseite eine Fassadenbänderung um das gesamte Gebäude aus schwarzgrauem Aluminium Composite Panel angebracht, die sich bis in die auskragenden Elemente über der Dachterrasse fortsetzt. Dies ergibt einen markanten Kontrast zu den hellgrauen Sichtbetonflächen. Daher sind auch die Wände des schmaleren vertikalen Gebäudeteils, der auskragende Wohnraum an der Südfassade und die Bauteile über der Dachterrasse – eine Holzständerkonstruktionen – mit den Aluminiumpaneelen in schwarzgrau und weiß verkleidet. Wichtig war es Beutter auch, dass das Gebäude mit der Umgebung „interagiert“. Daher wurde das Flachdach mit kragenden Sonnen- bzw. Wetterschutzobjekten über der voll nutzbaren Dachterrasse bzw. Aussichtsplattform versehen. Großzügige Fassadenöffnungen nach Norden schaffen Sichtachsen zur Umgebung und gewähren den Blick auf die Natur.

Innenraum: Sichtbeton, Holz und reduziertes Ambiente
Die Bodenplatte und Zwischendecken des Neubaus wurden aus glatt abgeschaltem Ortbeton (C25/30) beidseitig als Sichtbeton erstellt, die Bodenflächen geschliffen (ohne Estrich). Die 40 cm starken Außenwände bestehen aus zweischaligen Fertigteilelementen in Sichtbeton mit werkseitig eingeschäumter, 14 cm starker Kerndämmung aus Polyurethan und wurden mit Ortbeton ausbetoniert. Die Innenwände des Arbeitsbereichs sind ebenfalls Sichtbeton-Fertigteile, die Treppen bestehen aus schalungsglattem Sichtbeton und sind durchgehend im konstanten Steigungsverhältnis gehalten. Die Wände im Innenbereich der auskragenden Box an der Südfassade sind aus gehobelter Montafoner Bergfichte gefertigt. Raumhohe Rollwände, Klappteiler und eine Küchenbox in weißen Aluminium Composite Panel markieren den Wohnbereich.

Umsichtige Vorplanung
Laut Beutter verliefen die gesamten Betonierarbeiten reibungslos, doch kam es während des Bauverlaufs Anfang 2013 durch den härtesten Winter seit 60 Jahren zu Verzögerungen, weil der Ortbeton für die Decken durch die Kälte wesentlich langsamer aushärtete. Für die Fertigteilwände des Innenbereichs musste Beutter alle Installationen und Durchbrüche etwa für Steckdosen, Haustechnik, Sanitäranschlüsse, den Heizkreisverteilern etc. im Vorhinein festlegen und dies rechtzeitig mit den beauftragten Unternehmen wie die Elektrofirma und dem Betonfertigteilhersteller koordinieren. „Die Vorplanung war schon eine Herausforderung“, erinnert sich Beutter, zumal er diese komplett selbst erstellt hatte. Letztendlich klappte alles, so dass der Wohnbereich Ende 2013 und der Arbeitsbereich im Neubau Anfang 2014 bezugsfertig waren. Und in beiden Bereichen fühlt sich der Architekt wohl. Das liegt am natürlichen Baumaterial Beton und einem innovativen Energiekonzept.

Energiekonzept und Beton fungieren als effektive Klimaanlage
Das Gebäude wird mit einer hocheffizienten, gesplitteten Luft-Wasser-Wärmepumpe beheizt, welche auch für die Brauchwassererwärmung sorgt. Dabei dient die hohe Wärmespeicherkapazität der Sichtbetonbauteile mit integrierter Betonkernaktivierung als Wärmespeicher. Im Sommer kann das Gebäude über die Treppenaufgänge, Klappteiler und Dachaufbauten wie bei einem Windturm (Kaminwirkung) ohne zusätzliche Gebäudetechnik gekühlt werden. Und im Winter wird die Wärme gespeichert. Das vertikale Gebäudeteil an der Nordfassade – oder „der erhobene Arm“ – dient als Gestaltungselement und selbstregulierende Lüftung: Aus dem Wohnzimmer und der Küche in der ersten Etage zirkuliert die Luft wegen der aufsteigenden Wärme durch das Oberlicht zum vertikalen Turm und belüftet somit auch die oberen Etagen 2, 3 und 4. „Durch dieses Konzept und die unbehandelten Ortbetondecken, welche die Luftfeuchtigkeit auch in der kalten Jahreszeit sehr gut aufnehmen und langsam wieder abgeben, wurde der Einbau einer Lüftungsanlage überflüssig“, so Beutter.

Die Heizung befindet sich im Sichtbeton der Bodenplatte und den Zwischendecken als monolithische Bauteile: Ähnlich einer Fußbodenheizung wurden die Heizschlangen der Heizkreise direkt auf die obere Bewehrungslage gebunden und mit einbetoniert. Der Beton fungiert als Energiespeicher und erzeugt 764 KWh bei 20°C Bauteiltemperatur bei 113,5 m³ Speichervolumen. „Bei der Betonkernaktivierung dauert es zwar, bis Wärme da ist. Doch dann hält sie sich so konstant, dass man während der Heizperiode nur wenige Stunden heizen muss, da die hohe Speichermasse den ganzen Tag Wärme abstrahlt. Und durch die eingebaute PU-Hartschaum-Dämmung schützen die Wände im Sommer vor Hitze. Gleichzeitig reguliert der offenporige Sichtbeton die Feuchtigkeit im Haus und schafft ein ideales Raumklima. Die relative Raumluftfeuchtigkeit liegt im Jahresmittel konstant zwischen 50 und 60 Prozent“, so Beutter. Im Bereich der Küchenbox wurde keine Betonkernaktivierung in den Fußboden eingebaut. Daher ist die Temperatur dort etwa 2° C geringer als im übrigen Wohnraum und dadurch halten auch die  Lebensmittel länger.

Baumaterial mit viel Gestaltungsfreiraum
Für den Architekten ist Beton ohnehin der ideale Baustoff, weil ihm das natürliche und nachhaltige Material viel Gestaltungsfreiräum lässt und immer ansprechend aussieht. Auch für sein aktuelles Bauvorhaben – ein Bürogebäude für einen Betonlieferanten – hat er thematisch passend Beton eingesetzt. Mit der Passion für den modernen Baustoff und ebensolche Gebäude scheint Otto M.F. Beutter in Geislingen nicht allein zu sein. Nachahmer seines Wohn- und Arbeitsgebäudes gibt es wohl noch nicht. Doch hat der Architekt viel Zuspruch seitens der Einwohner erhalten – und das gerade auch von den älteren Anwohnern Geislingens: „Soll doch jeder bauen wie er möchte. Das ist doch toll und mal was Neues!“

Für InformationsZentrum Beton, mein Beitrag ist erschienen in der Ausgabe 1/2016 von OpusC.